Tumorschmerzen: Ein unvermeidbares Übel?

Veröffentlicht: 4.Mai 2022
Author:Julia Soschinski

Wir danken Frau Dr. Kerekes, Fachärztin für Anästhesie, Allgemeinmedizin und Spezielle Schmerztherapie, für einen aufschlussreichen und interaktiven Vortrag zum Thema Tumorschmerzen in der letzten Schmerzkonferenz. Frau Dr. Kerekes hat im Rahmen ihrer langjährigen palliativmedizinischen Tätigkeit ihren schmerztherapeutischen Schwerpunkt im Bereich palliative Geriatrie entwickelt und ihre medizinische Vision ist es, die schmerztherapeutische Versorgung vulnerabler Gruppen zu verbessern.

Obwohl wir allein in Deutschland rund 500.000 Tumor-Neuerkrankungen im Jahr verzeichnen und ca. die Hälfte der Patient*innen auf eine angemessene Schmerztherapie angewiesen sind und obwohl die Tumorschmerzen bei fast allen Patient*innen nachweislich deutlich gelindert werden könn(t)en, sehen wir leider eine analgetische (=schmerzstillende) Unterversorgung. Das ist für den Betroffenen besonders dramatisch, sieht er oder sie sich doch einer existentiellen, lebensverändernden Bedrohung gegenüber und leidet zeitgleich unter Schmerzen, die man mit der richtigen Expertise gut behandeln könnte. Die Gründe für die Unterversorgung sind auf verschiedene Ursachen zurückzuführen: So empfindet der Betroffene die Schmerzen unter Umständen als zu erduldendes und unvermeidbares Übel, hat Hemmungen einen Schmerztherapeut*in oder Palliativmediziner aufzusuchen. Auf Behandler*innen-Seite können Wahrnehmungsdefizite hinsichtlich der Schmerzen und Symptome bestehen. Gleichzeitig stützen sich die aktuell geltenden Therapiekonzepte zur Behandlung von Tumorschmerzen hauptsächlich auf Studien zur sog. Pharmakotherapie, sprich die Behandlungsempfehlungen beziehen sich allein auf eine rein medikamentöse Therapie . Das greift bei dem multidimensionalen Leiden im Falle einer vorliegenden Krebserkrankung und der psychischen Last die damit einhergeht viel zu kurz. Auch und gerade bei Tumorschmerzen muss die Behandlung ganzheitlich ausgelegt sein. Dies sollte im Rahmen einer sog. Interdisziplinären, multimodalen Schmerztherapie erfolgen. Als „Interdisziplinäre Multimodale Schmerztherapie“ (IMST) wird die gleichzeitige und in der Vorgehensweise aufeinander abgestimmte Behandlung bezeichnet, in der verschiedene somatische, körperlich und psychologisch übende und psychotherapeutische Verfahren nach vorgegebenem Behandlungsplan mit unter den Therapeut*innen abgesprochenem Therapieziel eingebunden sind.

Die Ursachen von Tumorschmerzen sind unterschiedlich. Man unterscheidet zwischen:
  • direkt tumorbedingten Schmerzen
  • tumorassoziierten/ indirekt tumorbedingten Schmerzen
  • therapiebedingten Schmerzen (durch Operationen, Chemotherapie oder Bestrahlung verursacht)
  • Tumorunabhängigen Schmerzen

Bezüglich der medikamentösen Behandlung sollte das sog. WHO Stufenschema berücksichtigt werden. In der ersten Stufe, bei moderaten Schmerzen, sollen Schmerzpatient*innen dem Schema zufolge ein Nicht-Opioid alleine oder in Kombination erhalten. Das Schmerzmedikament kann mit einem Wirkstoff kombiniert werden, der normalerweise nur in Kombination mit einem Analgetikum schmerzlindernd wirkt. Wenn die Schmerzen daraufhin fortbestehen, soll in der zweiten Stufe ein schwaches Opioid gegeben werden. Dieses kann bei Bedarf mit Nicht-Opioiden und Adjuvanzien (=ein medikamentöser Hilfsstoff, der die Wirkung der anderen Arznei verstärkt) kombiniert werden. Bestehen die Schmerzen weiterhin, kommen in der dritten Stufe starke Opioide in Kombination mit oder ohne Nicht-Opioiden und Adjuvanzien zum Einsatz. Auch wenn das Stufenschema zu einer Verbesserung der Schmerzbehandlung beigetragen hat, gibt es Hinweise, dass Patient*innen, die frühzeitig oder gleich zu Beginn auf ein stark wirksames Opioid eingestellt wurden, eine deutlich bessere Schmerzlinderung erfahren. Um ein Höchstmaß an Lebensqualität zu erreichen, sind die Patient*innen aber gleichzeitig auf unterstützende psychotherapeutische und physiotherapeutische Angebote, ein helfendes privates Umfeld und andere Hilfsangebote (z.B. Seelsorge oder Selbsthilfegruppen) angewiesen.

Tumorschmerzen müssen nicht erduldet werden – sie sind in den meisten Fällen ein vermeidbares Übel in einer besonders vulnerablen Lebenslage.

Unsere nächste digitale Schmerzkonferenz wird am Montag, den 09.05. stattfinden. Alle Informationen zu der Anmeldung erhalten Sie hier.

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