Migräne-Behandlung: Ihr Leitfaden zur aktuellen Leitlinie
Veröffentlicht: 11.November 2025
Author:Julia Soschinski
Medizinische Leitlinien sind Empfehlungen, die Ärztinnen und Ärzten sowie Patientinnen und Patienten helfen, die beste Behandlung anhand des neuesten Wissens auszuwählen. Sie fassen die aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen und zeigen, wie Erkrankungen wirksam diagnostiziert und behandelt werden können. Leitlinien sind aber keine starren Regeln, sondern Orientierungshilfen, die individuell angepasst werden können und regelmäßig aktualisiert werden, um immer auf dem neuesten Stand zu bleiben.
Migräne ist weit mehr als nur Kopfschmerz – sie ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die den Alltag stark beeinflussen kann. Die aktuelle medizinische Leitlinie von August 2025 gibt sowohl Ärztinnen und Ärzten als auch Betroffenen klare Orientierung für Diagnose, Akuttherapie und Vorbeugung.
Gerne fassen wir die aktuellen Empfehlungen für Sie zusammen:
Die richtige Einordnung: Welche Migräneform liegt vor?
Eine korrekte Diagnose ist entscheidend, um die passende Behandlung zu wählen. Grundlage ist die internationale Klassifikation von Kopfschmerzerkrankungen (ICHD-3).
Episodische Migräne (ohne Aura)
Um diese Form zu erkennen, müssen mehrere typische Merkmale zutreffen:
- Dauer: Eine Attacke hält unbehandelt zwischen 4 und 72 Stunden.
- Schmerzcharakter: Der Schmerz ist einseitig, pulsierend oder pochend, meist mittel bis stark und verschlimmert sich bei Bewegung (z. B. Treppensteigen).
- Begleitsymptome: Häufig treten Übelkeit, Erbrechen, Licht- oder Lärmempfindlichkeit auf.
Chronische Migräne
Treten über mindestens drei Monate hinweg an 15 oder mehr Tagen im Monat Kopfschmerzen auf – davon an mehr als 8 Tagen typische Migräneattacken – spricht man von einer chronischen Migräne.
Achtung: Medikamentenübergebrauchskopfschmerz (MOH)
Wenn Akutmedikamente über längere Zeit zu häufig eingenommen werden, kann ein sogenannter Medikamentenübergebrauchskopfschmerz entstehen.
Dies gilt, wenn Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen im Monat auftreten und Akutmittel regelmäßig länger als drei Monate eingenommen wurden.
Bei untypischen Beschwerden wird zur Sicherheit eine kraniale MRT empfohlen.
Akutbehandlung: Was hilft im Anfall?
Ziel der Akuttherapie ist es, den Migräneanfall möglichst schnell und vollständig zu stoppen. Dabei ist eine individuell angepasste Behandlung wichtig.
Medikamentöse Behandlung
Bei leichten bis mäßig starken Attacken kommen häufig Schmerzmittel wie Ibuprofen, Naproxen oder Acetylsalicylsäure zum Einsatz.
Wenn diese nicht ausreichen, werden Triptane (z. B. Rizatriptan oder Sumatriptan) eingesetzt, die gezielter gegen migränetypische Schmerzen wirken.
Eine zu häufige Einnahme sollte dabei aber vermieden werden: Schmerzmittel an maximal 15, Triptane an höchstens 10 Tagen pro Monat.
Nicht-medikamentöse Verfahren
Ergänzend können moderne Geräte helfen, etwa die transkutane Stimulation des Trigeminusnervs über der Stirn oder die Remote Electrical Neuromodulation (REN). Auch psychologische Strategien wie Entspannungstechniken (z. B. Progressive Muskelrelaxation, Atemübungen) oder Schmerzbewältigungstraining tragen dazu bei, besser mit den Attacken umzugehen.
Prophylaxe: Migräne langfristig vorbeugen
Die Prophylaxe soll die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Attacken reduzieren. Sie wird dann empfohlen, wenn Migräne das Leben stark einschränkt, etwa bei:
- drei oder mehr Attacken pro Monat,
- über 72 Stunden andauernden Anfällen,
- mangelnder Wirkung der Akuttherapie,
- komplizierten Attacken (z. B. mit langanhaltender Aura) oder
- wachsender Medikamentenabhängigkeit.
Ziel und Dauer der Prophylaxe
Erfolgreich ist eine Therapie, wenn sich die Anfallshäufigkeit bei episodischer Migräne um mindestens 50 % reduziert (bei chronischer um 30 %). Meist dauert eine Prophylaxe etwa 9 Monate, sollte aber spätestens nach 24 Monaten überprüft werden. Seit Juni 2025 steht mit Rimegepant ein neues Medikament zur Verfügung. Zur Beurteilung der Behandlungserfolge werden Tests wie HIT-6 oder MIDAS eingesetzt, die die Beeinträchtigung durch Kopfschmerzen erfassen. Dabei handelt es sich um Fragebögen, die speziell dafür entwickelt wurden, den Einfluss von Kopfschmerzen – und insbesondere Migräne – auf das tägliche Leben zu messen und den Erfolg einer Behandlung festzuhalten.
Migräne und psychische Gesundheit
Migräne tritt häufig gemeinsam mit psychischen Begleiterkrankungen auf. Diese müssen in die Behandlung mit einbezogen werden:
- Depression: Besonders bei Migräne mit Aura ist das Risiko für Depressionen erhöht. Amitriptylin wird hier empfohlen, während Flunarizin und Topiramat nur eingeschränkt geeignet sind.
- Angststörungen: Häufiges Screening wird empfohlen. Medikamente wie Venlafaxin (SSNRI) oder Betablocker können helfen – Letztere lindern auch körperliche Symptome wie Herzrasen.
- Bipolare Störungen: Medikamente wie Lithium sind ungeeignet, da sie manische Phasen verstärken können.
- Neuere Studien zeigen zudem, dass biologische Prophylaxen (z. B. mit OnabotulinumtoxinA oder Fremanezumab) depressive und ängstliche Symptome verbessern können.
Fazit:
Eine erfolgreiche Migränebehandlung braucht einen ganzheitlichen Ansatz – schnelle Hilfe bei akuten Attacken, bewusste Vorbeugung und die Einbeziehung der psychischen Gesundheit. Die aktuelle Leitlinie von August 2025 bietet dafür die beste Grundlage, um Migräne wirksam zu kontrollieren und die Lebensqualität langfristig zu verbessern.