Schmerzen bei Morbus Parkinson: Ein Überblick

Veröffentlicht: 17.September 2026
Author:Julia Soschinski

Schmerzen bei Morbus Parkinson: Formen, Ursachen und Wege zu mehr Lebensqualität

Die Parkinson-Krankheit ist eine neurodegenerative Erkrankung – also eine fortschreitende Verschleißerkrankung des Nervensystems. Während in der Öffentlichkeit meist die typischen Bewegungsstörungen wie Verlangsamung der Bewegungen (Bradykinesie), Muskelsteifigkeit (Rigor) und Zittern in Ruhe (Tremor) wahrgenommen werden, gehört Schmerz zu den häufigsten und belastendsten nicht-motorischen Symptomen.

Bis zu 85 % aller Patientinnen und Patienten berichten im Laufe ihrer Erkrankung über relevante oder chronische Schmerzen. Erste Beschwerden können sich bereits in der Vorstufe der Erkrankung zeigen – typischerweise in Form von Schulter- und Armschmerzen. In fortgeschrittenen Krankheitsstadien beeinträchtigt der Schmerz die Lebensqualität oft stärker als die Bewegungsstörungen selbst. Dennoch werden Schmerzen im klinischen Alltag noch immer häufig unterschätzt oder von Ärztinnen und Ärzten nicht gezielt erfragt, da der Fokus meist primär auf den sichtbaren Bewegungsstörungen liegt.

Wie entsteht Schmerz bei Parkinson?

Die Ursache der Parkinson-Krankheit liegt im fortschreitenden Verlust Dopamin-produzierender Nervenzellen in einer bestimmten Gehirnregion, der sogenannten Substantia nigra. Dieser Bereich verdankt seinen lateinischen Namen („schwarze Substanz“) seinen dunkel pigmentierten Zellen. Im Rahmen der Erkrankung kommt es dort zur Bildung von sogenannten Lewy-Einschlusskörpern – dies sind feine, fehlerhafte Eiweißablagerungen innerhalb der Nervenzellen. Der daraus resultierende Mangel an Dopamin (einem zentralen Botenstoff unseres Nervensystems, der Signale zwischen Nervenzellen überträgt) stört nicht nur die feine Steuerung von Bewegungen, sondern verändert auch die Schmerzverarbeitung im Gehirn sowie die körpereigene Schmerzhemmung.

Zusätzlich spielen Funktionsstörungen weiterer Neurotransmitter (chemischer Botenstoffe wie Serotonin und Noradrenalin) sowie molekulare Veränderungen an den Schmerzrezeptoren eine Rolle. Dadurch sinkt die persönliche Schmerzschwelle, sodass Schmerzreize deutlich intensiver wahrgenommen werden. Schmerz bei Parkinson ist somit keine reine Folge verkrampfter Muskeln oder von Bewegungsmangel, sondern das Ergebnis einer komplexen Störung in den Schmerznetzwerken des Nervensystems.

Welche Schmerzformen unterscheiden wir bei Parkinson?

In der medizinischen Diagnostik wird grundsätzlich zwischen Schmerzen unterschieden, die nicht direkt durch Parkinson verursacht werden (wie altersbedingter Gelenkverschleiß oder Bandscheibenprobleme), und echten Parkinson-assoziierten Schmerzen. Letztere lassen sich nach ihrer Entstehung in drei Hauptgruppen unterteilen.

Nozizeptive Schmerzen (gewebebezogene Schmerzen – die häufigste Form)

Diese Schmerzen entstehen durch die direkte Reizung von Schmerzfühlern (Schmerzrezeptoren) im Gewebe und sind meist von Bewegungen abhängig.

Muskuloskelettale Schmerzen: Diese Beschwerden betreffen Muskeln sowie Gelenke und stehen im engen Zusammenhang mit Muskelsteifigkeit (Rigor), Fehlhaltungen oder Bewegungsmangel. Schulterbeschwerden sind oft ein sehr frühes Anzeichen der Erkrankung.

Dystone Schmerzen: Hierbei handelt es sich um schmerzhafte, unwillkürliche Muskelverkrampfungen (Dystonien), die mit deutlichen Funktionseinschränkungen einhergehen. Sie treten bevorzugt in Zeiten nachlassender Medikamentenwirkung auf („Off-Phasen“), beispielsweise als morgendliche Verkrampfung der Zehen oder Füße.

Neuropathische Schmerzen (Nervenschmerzen)

Neuropathische Schmerzen werden durch eine direkte Reizung oder Schädigung von Nervenfasern verursacht:

  • Differenzialdiagnose zu „echter“ Polyneuropathie, Radikulopathie (eine Reizung der Nervenwurzeln an der Wirbelsäule, ähnlich wie bei einem Hexenschuss oder Bandscheibenvorfall) bzw. anderer Nervenschädigung ist notwendig
  • sogenannte Small-Fiber-Neuropathie (eine Schädigung der feinsten Nervenfasern in der Haut) kann unter langjähriger Levodopa-Einnahme auftreten.

Noziplastische Schmerzen (Schmerzen durch veränderte Schmerzverarbeitung)

Etwa 10 bis 30 % der Patientinnen und Patienten leiden unter dieser Schmerzform. Hierbei liegt eine gestörte Signalverarbeitung im Gehirn und Rückenmark vor, ohne dass eine akute Gewebeschädigung oder eine direkte Nervenverletzung nachweisbar ist:

  • Die Schmerzen werden meist als tief sitzend, brennend, stechend oder im Körper wandernd beschrieben (z. B. im Bauch- oder Gesichtsbereich).
  • Sie stehen häufig in direktem Zusammenhang mit Schwankungen des Dopaminspiegels im Gehirn.

Weitere spezifische Schmerzphänomene

  • Akathisie: Eine quälende innere Unruhe, die mit einem drängenden Bewegungsbedürfnis verbunden ist („Unfähigkeit, stillzusitzen“)
  • „Coat-hanger pain“ (Kleiderbügel-Schmerz): Krampfförmige Kopf- und Nackenschmerzen im Verteilungsmuster eines Kleiderbügels, die bei einem Blutdruckabfall im Stehen (orthostatische Dysregulation) entstehen und sich im Liegen bessern können.

Um Schmerzen wirksam zu lindern, reicht es nicht aus, nur die Schmerzstärke abzufragen. Man betrachtet den ganzen Schmerzmechanismus.

  • Gezielte Schmerzanamnese: Ausführliches Patientengespräch über Schmerzlokalisation, Schmerzcharakter und den zeitlichen Zusammenhang mit der Einnahme von Parkinson-Medikamenten.
  • Standardisierte Erfassungsbögen: Einsatz speziell entwickelter Fragebögen wie der King’s Parkinson’s Disease Pain Scale (KPPS) oder des Parkinson’s Disease Pain Classification System (PD-PCS), um Schmerzarten, Schweregrad und Alltagsauswirkungen präzise einzustufen.
  • Klinische Untersuchung: Gründliche neurologische und orthopädische Abklärung von Muskelsteifigkeit, Zittern, Verkrampfungen und Haltungsmustern.
  • Ergänzende Zusatzdiagnostik: Ultraschall- und Messungen der Nervenleitfähigkeit (EMG/NLG) bei Verdacht auf Nervenschmerzen sowie Laboruntersuchungen (z. B. Vitamin B12, Folsäure, Entzündungswerte) und Bildgebung von Wirbelsäule oder Gelenken.

Multimodale Schmerztherapie: Ein ganzheitliches Behandlungskonzept

Da Schmerzen bei Parkinson meist aus mehreren Quellen gespeist werden, erfordert die Behandlung einen frühzeitigen und individuell abgestimmten Ansatz:

Optimierung der Parkinson-Medikation

Da viele Schmerzen verstärkt in Zeiten nachlassender Wirkstoffspiegel („Off-Phasen“) auftreten, steht die Anpassung der Parkinson-Hauptmedikation an erster Stelle:

  • Anpassung der Wirkstoffe: Der Einsatz von Levodopa, Dopaminagonisten (Wirkstoffe wie Rotigotin oder Pramipexol, welche die Wirkung von Dopamin im Gehirn nachahmen) sowie COMT- und MAO-B-Hemmern (Medikamente, die den Abbau von Levodopa und Dopamin verlangsamen) hilft, schmerzhafte Off-Phasen zu verkürzen:
  • Gezielte Hilfe bei Verkrampfungen: Lösliches Levodopa für den Akutfall oder Injektionen von Botulinumtoxin (Botox) bei lokal begrenzten Muskelverkrampfungen (Dystonien) lindern Beschwerden gezielt.
  • Verfahren bei fortgeschrittener Erkrankung: Kontinuierliche Medikamentenpumpen oder die Tiefe Hirnstimulation (THS, ein neurochirurgisches Verfahren, auch bekannt als „Hirnschrittmacher“) können Schmerzen über eine gleichmäßige Steuerung der Bewegungsabläufe spürbar reduzieren.

Gezielte medikamentöse Schmerztherapie

Bei gewebebezogenen Schmerzen (nozizeptiv): Behandlung nach dem Stufenschema der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Metamizol wird meist gut vertragen, während starke Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide wegen Nebenwirkungen wie Verstopfung nur sehr zurückhaltend eingesetzt werden.

Bei Nervenschmerzen (neuropathisch): Einsatz von speziellen Wirkstoffen wie Gabapentin oder Duloxetin (besonders hilfreich bei gleichzeitig vorliegenden gedrückten Stimmungen oder Depressionen). Auf bestimmte ältere Antidepressiva (trizyklische Antidepressiva) wird wegen des Risikos von Verwirrtheitszuständen und anderen Nebenwirkungen meist verzichtet.

Nicht-medikamentöse Therapien

  • Physiotherapie und Ergotherapie: Gezieltes Haltungstraining, Gangschulung und Gleichgewichtstraining sind unverzichtbar. Ausdauersportarten wie Nordic Walking erweisen sich in Studien als wirksamer zur Schmerzlinderung als reine Dehnungs- oder Entspannungsübungen.
  • Psychologische Schmerzbewältigung: Da Niedergeschlagenheit, Ängste und Depressionen das Schmerzempfinden im Gehirn verstärken, unterstützt eine kognitive Verhaltenstherapie Betroffene dabei, den Umgang mit chronischen Schmerzen im Alltag zu erleichtern.

Fazit

Schmerzen bei der Parkinson-Krankheit sind komplex, aber keineswegs ein unausweichliches Schicksal. Durch eine präzise Zuordnung des Schmerztyps und einen individuell abgestimmten Behandlungsplan lässt sich die Lebensqualität von Patientinnen und Patienten entscheidend verbessern.