Auswirkungen der Covid 19 Pandemie auf die psychische Gesundheit- aktuelle Studienlage

Veröffentlicht: 26.April 2022
Author:Julia Soschinski

Seit Ausbruch der Corona Pandemie vor mehr als 2 Jahren verzeichnen wir einen exponentiellen Anstieg an fundierten Studien zu eben dieser Thematik; weltweit haben sich mittlerweile diverse Studien mit der Fragestellung beschäftigt, welche psychosozialen Faktoren die Pandemie mit sich brachte/ bringt. Wir bitten Dr. Dipl.-Psych. Bernhard Klasen, Gründer und Psychologischer Direktor der Algesiologikum Zentren für Schmerzmedizin, um eine Einordnung und Übersicht der wichtigsten Erkenntnisse aus den bisherigen Studien.

Welche Personengruppen haben sich in Folge der Pandemie als besonders verletzlich für die erstmalige Manifestation oder die Verschlechterung bereits bestehender psychischer Probleme gezeigt?

Ganz allgemein zieht sich das vermehrte Auftreten psychischer Belastungen infolge der Pandemie durch alle Bevölkerungsgruppen. Als besonders gefährdet haben sich aber 2 Gruppen herausgestellt: Da ist zum einen die Gruppe, der im Gesundheitswesen tätigen Personen, die während der Pandemie an vorderster Front gestanden haben/ stehen und zum anderen die große Gruppe der bereits vorbelasteten, chronisch kranken Menschen. Die Gründe für ihre außerordentliche Betroffenheit liegen auf der Hand: Das Personal im Gesundheitsbereich ist in vielen Bereichen chronisch überlastet. Die Wahrung der eigenen Work-Life-Balance ist nicht mehr möglich. Fehlende Wertschätzung bei gleichzeitigem Wegfall von ausgleichenden Tätigkeiten fordern ihren Tribut. Häufig dokumentierte Krankheiten sind Burn-Out und Depressionen. Bei psychisch und/oder körperlich vorbelasteten Menschen konnte man eine deutliche Verschlechterung der bereits vorhandenen Erkrankungen und/oder einen dramatischen Anstieg an Depressionen und Angstzuständen verzeichnen. Als Ursachen sind hier vor allem verschobene/ausfallende Behandlungen, soziale Isolation und das Wegbrechen an stressreduzierenden, stärkenden Aktivitäten zu nennen.

Welche konkreten Auswirkungen konnten die bisherigen Studien belegen?

Übereinstimmend in vielen Studien zeigten sich im Auftreten und in der Häufigkeit der psychischen Erkrankungen dramatische Effekte. Diese sind ganz eindeutig der Covid19 Pandemie zuzuordnen. Es zeigt sich, dass das allgemeine Stressniveau zum Höhepunkt der ersten Welle im März 2000 um 50 % sprunghaft angestiegen ist. Mit diesem Anstieg geht ein Anstieg an Angst- und Depressionssymptomen einher. (Gallup National Health and Well-Being Index)

Welche Risikofaktoren konnten für eine hohe psychische Belastung identifiziert werden?

Risikofaktoren lassen sich auf vier Ebenen verorten. Man unterscheidet zwischen gesellschaftlichen, sozioökonomischen, sozialen und individuellen Faktoren. Unter den sozioökonomischen wären zum Beispiel finanzielle Sorgen, Angst vor dem Arbeitsplatzverlust oder Migrationshintergründe zu nennen. Bekannte soziale Faktoren betreffen die persönlichen Lebensumstände. Fühlt sich der/die Betroffene allein, ist sie/er alleinerziehend, oder alleinlebend, oder aber hat Kinder, die sehr oft von Kindergarten-/und Schulschließungen betroffen waren? Sorgen um an Covid erkrankte Familienmitglieder wären ein weiterer relevanter Faktor. Als individuelle Risikofaktoren zeigten sich zum Beispiel ein jüngeres Alter (unter 30), das weibliche Geschlecht, vorbestehende Erkrankungen psychischer oder physischer Natur und der individuelle Persönlichkeitstypus. Allerdings konnten auch Schutzfaktoren bestimmt werden, die den Umgang mit der Krise positiv beeinflussen. Nicht unmittelbar beeinflussbare Schutzfaktoren wären z.B. ein höherer Bildungsgrad, das Leben in einem festen und positiv besetzten sozialen Gefüge, soziale Kontakte und Unterstützung. Als direkt beeinflussbare Faktoren haben sich Resilienz (=psychische Widerstandskraft), Selbstwirksamkeit, positive Coping Stile und das aktive Ergreifen von Vorsichtsmaßnahmen und ein gesundes Informiert-Sein über die Infektion bewährt. Viele dieser Faktoren kann man gezielt erlernen. Genau hier setzen wir mit unseren Patient*innen an. Wir möchten ihnen individuell umsetzbare und praktikable Maßnahmen vermitteln, auf die sie in Krisensituationen zurückgreifen können. An dieser Stelle möchten wir unseren Lesern noch das Institut für Resilienzforschung empfehlen, die auf ihrer Website wichtige und übersichtliche Informationen für Betroffene zur Verfügung gestellt haben.
Für die Zukunft sehen wir aus den ersten Erfahrungen aus der Corona-Pandemie wie bedeutsam die Aufrechterhaltung unserer interdisziplinären Behandlungsangebote für unseren chronisch schmerzkranken Patient*Innen ist – nicht zuletzt weil es sich hier um eine besonders verletzliche Gruppe handelt, sondern weil unser Therapieansatz mit der Einbeziehung der psychologischen, sozialen und körperlichen Perspektive nachhaltig zur Stärkung der Resilienz unserer Patient*Innen beitragen kann.

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