Schmerzen im Alter: Nicht einfach hinnehmen, sondern richtig behandeln
Veröffentlicht: 15.April 2026
Author:Julia Soschinski
Schmerzen im Alter sind ein sehr häufiges Problem. Bis zu 80 % der älteren Bevölkerung sind von Schmerzen betroffen, wobei viele gleichzeitig an akuten und chronischen Schmerzen leiden. Ein weit verbreiteter Irrtum ist es, Schmerzen als unvermeidliche Begleiterscheinung des Älterwerdens abzutun. Schmerz ist kein „normales“ Altersthema!.
Vielmehr birgt unbehandelter Schmerz große Gefahren: Er gilt als direkter Vorbote für Gebrechlichkeit, ein erhöhtes Sturzrisiko, Pflegebedürftigkeit und sogar eine erhöhte Sterblichkeit. Um die Lebensqualität älterer Menschen zu erhalten, wurde die medizinische Leitlinie „GeriPAIN“ entwickelt, die sich speziell an sogenannte geriatrische Patientinnen und Patienten richtet.
Wer gilt als „geriatrischer Patient“?
Als geriatrisch gelten in der Regel Menschen ab dem 70. Lebensjahr, die an mehreren chronischen Krankheiten gleichzeitig leiden (Multimorbidität), welche den Alltag einschränken. Menschen ab 80 Jahren werden in der Medizin grundsätzlich als geriatrisch betrachtet, da in diesem Alter die körperlichen Reserven (Vulnerabilität) abnehmen. Typische altersbedingte Probleme umfassen unter anderem Seh- und Hörminderungen, eine erhöhte Sturzneigung sowie kognitive Einschränkungen wie Demenz.
Der Teufelskreis des Schmerzes
Wenn das Knie oder der Rücken schmerzt, neigen viele ältere Menschen dazu, sich zu schonen. Dieser Bewegungsmangel führt jedoch rasch zu Muskelschwund. Dadurch verschlechtert sich der gesundheitliche Zustand weiter, das Risiko für einen Autonomieverlust steigt und letztendlich droht die Pflegebedürftigkeit. Eine gute Schmerz- und Bewegungstherapie ist in solchen Fällen oft schicksalsentscheidend, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen.
Schmerzen richtig erkennen – auch bei Demenz
Oft bleiben Schmerzen bei älteren Menschen unerkannt oder werden unterschätzt. Wichtig ist, dass Schmerzen sowohl in Ruhe als auch in der Bewegung erfasst werden.
Eine besondere Herausforderung ist die Schmerzerfassung bei Menschen mit Demenz, da diese ihre Schmerzen oft nicht mehr mit Worten mitteilen können. Unerkannte Schmerzen äußern sich bei ihnen stattdessen häufig durch innere Unruhe, Abwehrverhalten oder depressive Symptome. Hier nutzen Pflegekräfte und Ärzte spezielle Beobachtungsbögen (wie BESD oder BISAD). Dabei wird auf körpersprachliche Signale geachtet, wie zum Beispiel:
- Eine angestrengte oder schnelle Atmung.
- Negative Lautäußerungen wie Stöhnen, Ächzen oder Rufen.
- Eine abweichende Mimik, Schonhaltungen oder Unruhe.
Wie werden Schmerzen im Alter behandelt?
Das oberste Ziel der Behandlung ist es, eine stabile Schmerzsituation zu erreichen und die Lebensqualität zu verbessern. Die Behandlung sollte immer als gemeinsame Entscheidung zwischen Arzt, Patient und Angehörigen stattfinden, bei der auch Ängste – etwa vor Nebenwirkungen oder Sucht – offen besprochen werden.
Die Therapie ruht auf zwei wichtigen Säulen:
Nicht-medikamentöse Therapien (Bewegung und Geist):
Tabletten sind nicht die einzige Lösung. Besonders bei Schmerzen im Bewegungsapparat ist körperliche Aktivierung extrem wichtig, um die Schmerzintensität zu lindern. Je nach geistiger und körperlicher Verfassung werden zudem folgende Ansätze empfohlen:
- Kognitive Verhaltenstherapie und Achtsamkeitsübungen für das mentale Wohlbefinden.
- Mind-Body-Übungen wie Yoga, Tai Chi oder Qigong.
- Musikbasierte Interventionen (Singen oder Musik hören), die auch bei Menschen mit Demenz gut wirken können
Medikamentöse Therapie: „Start Low… Go Slow“
Bei der Gabe von Schmerzmitteln ist im Alter höchste Vorsicht geboten, da die Nierenfunktion oft eingeschränkt ist und bereits viele andere Medikamente eingenommen werden (Polypharmazie). Die Grundregel lautet daher: Mit einer sehr niedrigen Dosis beginnen und diese nur sehr langsam steigern.
Zudem vertragen ältere Menschen nicht jedes Medikament. Ärzte orientieren sich an speziellen Empfehlungen wie der FORTA- oder PRISCUS-Liste. Diese Listen stufen Medikamente danach ein, wie sicher sie für alte Menschen sind. So sollten beispielsweise entzündungshemmende Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Naproxen von älteren Menschen nicht langfristig eingenommen werden, da sie ein hohes Risiko für Magenblutungen oder Herz-Kreislauf-Probleme bergen. Auch bestimmte Antidepressiva, die früher oft gegen Schmerzen eingesetzt wurden (wie Amitriptylin), gelten heute für Senioren als ungeeignet und sollten vermieden werden
Fazit
Altern darf nicht gleichbedeutend mit Schmerzen sein, denn Schmerz ist kein „normales“ Altersthema. Mit einer individuell abgestimmten, ganzheitlichen Therapie lassen sich Schmerzen wirksam behandeln, um die Selbstständigkeit und vor allem die Lebensqualität bis ins hohe Alter bestmöglich zu bewahren.