Wenn Nackenschmerzen bleiben: Warum Medikamente allein oft nicht reichen
Veröffentlicht: 1.Dezember 2025
Author:Julia Soschinski
Schmerzlinderung durch IMST
Chronische Schmerzen, insbesondere im Nackenbereich, gehören zu den häufigsten und hartnäckigsten Gesundheitsproblemen. Wer länger als drei Monate (12 Wochen) unter Nackenschmerzen leidet, weiß: Eine einzelne Spritze oder Pille bringt selten die erhoffte langfristige Besserung. Der Schmerz hat sich in diesen Fällen oft verselbstständigt und ist zu einem komplexen Teufelskreis aus körperlicher Schonhaltung, psychischer Belastung und chronischer Anspannung geworden.
Genau hier setzt der umfassende Ansatz der Interdisziplinären Multimodalen Schmerztherapie (IMST) an. Die gute Nachricht: Aktuelle medizinische Richtlinien, wie die neue S3-Leitlinie zu nicht-spezifischen Nackenschmerzen, bestätigen die absolute Richtigkeit dieses umfassenden, kombinierten Vorgehens und fordern explizit die Zusammenarbeit mehrerer Fachbereiche.
Chronische Schmerzen erfordern Kombination
Wenn Nackenschmerzen chronisch werden – das heißt, sie dauern länger als 12 Wochen an – verändern sich die Schmerzmechanismen im Körper. Die alleinige Fokussierung auf nur eine Therapieform, wie zum Beispiel Medikamente oder eine passive Behandlung, reicht in dieser Phase nicht mehr aus. Um den Schmerzkreislauf dauerhaft zu durchbrechen, muss die Behandlung verschiedene Ebenen des Schmerzerlebens adressieren – eine Erkenntnis, die die aktuelle S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) klar bestätigt.
Die Leitlinie belegt: Nur die Kombination hilft auf Dauer.
Der wichtigste Beleg für die Notwendigkeit eines multimodalen Ansatzes ist die klare Einschränkung bei bestimmten Therapien, die viele Patientinnen und Patienten kennen: Manuelle Verfahren wie Manipulation/Mobilisation und Weichteilbehandlungen (z. B. Massagen) werden bei chronischen Nackenschmerzen nur in Verbindung mit aktivierenden Maßnahmen empfohlen.
Diese Vorgabe impliziert, dass passive Elemente ohne die aktive Beteiligung und Bewegung des Patienten kaum wirksam sind. Nur die Vernetzung verschiedener Fachbereiche (z. B. Physiotherapie und Schmerzpsychotherapie) und die aktive Mitarbeit der Patientin oder des Patienten führen zum Erfolg.
Die drei Säulen der erfolgreichen IMST – durch die Leitlinie gestützt
Die wissenschaftlich fundierten Empfehlungen für chronische Nackenschmerzen decken exakt die zentralen Säulen der Interdisziplinären Multimodalen Schmerztherapie (IMST) ab:
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Bewegungstherapie und Aktivierung
Der wichtigste Schlüssel zur Schmerzlinderung ist die Bewegung. Viele Schmerzpatient*innen verfallen in eine Schonhaltung, aus Angst, die Bewegung könnte schaden. Genau diese Angst verlängert jedoch oft den Schmerz. Die Körperliche Aktivität und gezielte Bewegungstherapie sind für Patient*innen mit chronischen Nackenschmerzen eine starke Empfehlung. Dies unterstreicht die fundamentale Rolle der Bewegung, um die Funktion wiederherzustellen und damit langfristig den Schmerz zu reduzieren.
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Schmerzpsychotherapie und Bewältigung
Chronische Schmerzen sind immer auch mit Stress, Schlafstörungen oder dem Gefühl der Hilflosigkeit verbunden. Die psychologische Komponente des Schmerzes muss daher aktiv behandelt werden. Kognitive Verhaltenstherapie und Entspannungsverfahren werden in der Leitlinie mit „kann empfohlen werden“ aufgeführt, da es derzeit noch eine widersprüchliche Studienlage gibt. Entlastende Verfahren sind elementare Bestandteile der Schmerzpsychotherapie und helfen dabei, die Schmerzverarbeitung im Gehirn zu normalisieren, Ängste vor Bewegung abzubauen und die Lebensqualität nachhaltig zu steigern.
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Schmerztherapie und Edukation
Neben den psychologischen und aktivierenden Elementen spielen die medizinische Begleitung und die umfassende Information eine Rolle.
- Die Patient*innenedukation (die gezielte Aufklärung über die Schmerzentstehung und den besten Umgang damit) ist ein empfohlener Baustein
- Spezielle Verfahren wie die Akupunktur können in Betracht gezogen werden
Wichtig: Kein monomodaler Einsatz von Schmerzmitteln
Ein deutliches Zeichen für die Wichtigkeit aktiver Therapieformen ist die klare Empfehlung zum Medikamenteneinsatz: Der isolierte Einsatz von Schmerzmitteln wie NSAR (nicht-steroidale Antirheumatika) wird bei chronischen Nackenschmerzen explizit nicht empfohlen. Dies bekräftigt, dass der Fokus der Behandlung auf aktiven, nicht-medikamentösen Therapien liegen muss, um eine nachhaltige Besserung zu erzielen.
Fazit: IMST ist der Goldstandard
Die Empfehlungen der S3-Leitlinie für chronische Nackenschmerzen bilden die unmissverständliche Grundlage für einen interdisziplinären und multimodalen Ansatz. Nur durch die koordinierte Kombination aus Schmerzpsychotherapie, aktivierender Bewegungstherapie und medizinischer Schmerztherapie kann der komplexe Teufelskreis des chronischen Schmerzes langfristig durchbrochen werden. Die Interdisziplinäre Multimodale Schmerztherapie (IMST) spiegelt damit die modernsten wissenschaftlichen Erkenntnisse wider und bietet Patientinnen und Patienten die besten Voraussetzungen für eine nachhaltige Verbesserung ihrer Lebensqualität.
Leitlinienübergreifendes Fazit
Die Notwendigkeit der interdisziplinären Therapie ist kein Zufallsprodukt, sondern ein universelles Prinzip der modernen Schmerzmedizin: So wird sie auch durch die neue S3-Leitlinie GeriPAIN für das Schmerzmanagement bei älteren Patient*innen (geriatrisch) vollständig bekräftigt.