Schmerzen bei Multipler Sklerose

Veröffentlicht: 30.Mai 2022
Author:Julia Soschinski

Wir danken Frau Joanna Jaworowska, Fachärztin für Neurologie und Weiterbildungsassistentin Spezielle Schmerztherapie für einen lehrreichen Vortrag zum Thema Schmerzen bei Multipler Sklerose (MS) in der letzten Schmerzkonferenz. MS wird aus gutem Grund auch die „Krankheit der 1.000 Gesichter“ genannt. Sie kann ganz unterschiedlich verlaufen und mit vielfältigen Symptomen einhergehen. Sehr häufig leiden von MS Betroffene unter Schmerzen: 20 Prozent tun dies schon zu Beginn ihrer Erkrankung und 60-80 Prozent im weiteren Erkrankungsverlauf. Leider findet dieser Umstand nach wie vor noch zu wenig Beachtung in der ärztlichen Versorgung. Besonders problematisch dabei: Mit Schmerzen steigt das Stressniveau, was wiederum das Risiko weiterer „Schübe“ der Erkrankung erhöht.

Aber was versteht man eigentlich unter MS und wie entsteht die Erkrankung?

MS ist die am häufigsten vorkommende autoimmun-entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems. Bei Menschen mit MS „verhält“ sich das körpereigene Immunsystem nicht wie es sollte. Statt nur Eindringlinge wie Bakterien, Viren und Parasiten zu erkennen und auszuschalten, wendet sich das Immunsystem plötzlich auch gegen den eigenen Körper, genau genommen gegen die Nervenzellen. Es werden fehlprogrammierte Zellen produziert, die verschiedene Entzündungsstoffe ausschütten.

Was sind die Ursachen einer MS?

Diese Frage kann nach wie vor nicht abschließend beantwortet werden. Nach heutigem Wissensstand ist MS nicht direkt vererbbar, allerdings besteht die Neigung dazu. Kommen dann noch weitere, äußerliche Riskofaktoren hinzu (hier werden v.a. virale Infektionen, aber auch Vitamin D diskutiert), wird die Entstehung einer MS immer wahrscheinlicher.

Wie häufig kommt MS vor?

Die Zahl der MS-Betroffenen steigt kontinuierlich an– vor allem in den Industrieländern. Allein in Deutschland hat sich die Zahl der Menschen mit MS seit 1980 verdoppelt – auf schätzungsweise 240.000 Menschen. Frauen sind deutlich häufiger von der Erkrankung betroffen als Männer. Die Erkrankung manifestiert sich für gewöhnlich zwischen dem 20. und 40 Lebensjahr. MS verläuft in Schüben. Bei einem Schub treten ein oder mehrere Entzündungsherde im zentralen Nervensystem (ZNS) auf. Wird das Nervengewebe geschädigt, treten die MS-Symptome auf. Diese sind vielfältig und auch davon abhängig, welche Stelle des Nervensystems von der/den Entzündungen betroffen ist. Schmerzen bei einer MS sind eines der Symptome. Man unterscheidet 4 verschiedene Schmerz-Typen:
1. Schmerzen als direkte Folge der MS
Ca. 30 Prozent der Betroffenen leiden unter Schmerzen, die unmittelbar mit der MS zusammenhängen. Sie zeigen sich meist als sog. neuropathische Schmerzen. Diese entstehen, wenn es durch die MS zur Schädigung von Nervenzellen kommt und die Übertragung der Signale gestört ist.
2. Schmerzen als indirekte Folge der MS
20 Prozent der Betroffenen leiden unter Schmerzen, die indirekt durch die MS ausgelöst werden. Hier ist der Nozizeptive Schmerz zu nennen, er entsteht nicht aufgrund geschädigter Nerven, sondern als Folge gereizter Schmerzrezeptoren. Auch MS-bedingte Fehlhaltungen und/ oder Spastiken verursachen Schmerzen.
3. Schmerzen unter medikamentöser Therapie
4. MS- unabhängige Schmerzen
Hier sind z.B. primäre Kopfschmerzen und unspezifische Rückenschmerzen zu nennen.

Wie werden die Schmerzen bei MS behandelt?

Im ersten Schritt muss der Grund für das Symptom Schmerz gefunden und eine genaue Diagnose gestellt werden. Davon abhängig werden die geeigneten Therapiemaßnahmen festgelegt. Bei der Therapie gibt es bisher keinen sogenannten Goldstandard, es gibt keine kontrolliert randomisierten Studien, die explizit die Behandlung von Schmerz bei einer MS untersuchen. Es gelten daher die allgemeinen Therapieprinzipien wie bei anderen chronischen Schmerzen: Angezeigt ist eine möglichst frühzeitig beginnende multimodale Schmerztherapie. Neben der schmerzmedizinischen Behandlung nach dem WHO-Stufenschema (siehe Beitrag zu den Tumorschmerzen) und entsprechenden Behandlung von neuropathischen Schmerzen sollten bewegungstherapeutische und schmerzpsychotherapeutische Maßnahmen erfolgen. Zudem können invasive Maßnahmen, wie neuromodulatorische Verfahren angezeigt sein.

Sollten Sie eine/r der Betroffenen sein und suchen Hilfe, oder haben Fragen, können Sie sich gerne an uns wenden.

Wir freuen uns auf die nächste Schmerzkonferenz. Diese wird am 13.06.2022 stattfinden.

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